
Shin Splints (MTSS) – Wenn die Schienbeine beim Laufen brennen: Ursachen, Behandlung & Prävention
Du kennst es vielleicht: Ein dumpfes Ziehen oder Brennen entlang des Schienbeins, das sich beim Aufwärmen kurz bessert – und nach dem Lauf wiederkommt. Oder Schmerzen, die dich zwingen, langsamer zu werden oder ganz aufzuhören. Das ist das typische Bild von Shin Splints – und du bist damit definitiv nicht allein. In meiner Praxis in Uster sehe ich Shin Splints besonders bei Läufer:innen, die ihre Kilometeranzahl kürzlich erhöht haben, in die Laufsaison eingestiegen sind oder nach einer Pause wieder begonnen haben zu trainieren. Die gute Nachricht: Mit dem richtigen Verständnis und einem gezielten Vorgehen lässt sich das Problem gut in den Griff kriegen.
Was sind Shin Splints – und was nicht?
Der Begriff "Shin Splints" wird im Alltag oft als Sammelbegriff verwendet. Medizinisch sprechen wir vom medialen Tibiakantensyndrom, kurz MTSS (Medial Tibial Stress Syndrome). Dabei handelt es sich um eine Reizung des Knochens und der umgebenden Strukturen (Periost) entlang der Innenkante des Schienbeins.
Typische Beschwerden bei Shin Splints:
- Diffuser Schmerz entlang der Innenseite des Schienbeins (unteres Drittel)
- Beschwerden beim Abtasten des Schienbeins über eine längere Strecke
- Schmerzen, die zu Beginn des Laufens stärker sind und sich manchmal einspielen
- Rückkehr der Schmerzen nach der Belastung oder am nächsten Tag
Wichtige Abgrenzung – wann zum Arzt?
Hier ist ein Punkt, der mir wichtig ist: Nicht jeder Schienbeinschmerz ist harmlos. Zwei Diagnosen müssen zwingend ausgeschlossen werden:
Stressfraktur: Ein punktueller, sehr lokalisierter Schmerz am Schienbein kann auf eine Stressfraktur hinweisen – vor allem wenn der Schmerz auch in Ruhe oder nachts auftritt. Hier ist eine ärztliche Abklärung (MRI oder Szintigraphie) notwendig.
Chronisches Kompartmentsyndrom: Wenn du einen intensiven Druckschmerz spürst, der sich bei Belastung aufbaut und in Ruhe schnell wieder nachlässt – oft kombiniert mit Taubheitsgefühlen – sollte das ebenfalls medizinisch abgeklärt werden.
Im Zweifelsfall gilt: Lieber einmal zu viel abklären als zu lange warten.

Warum entstehen Shin Splints? Die häufigsten Ursachen
Shin Splints entstehen durch eine Dysbalance zwischen Belastung und Belastbarkeit. Das Gewebe – Knochen, Periost, Muskelansätze – wird schneller beansprucht, als es sich regenerieren kann. Das führt zu Mikrorissen und Entzündungsreaktionen.
Zu schnelle Trainingsssteigerung
Der mit Abstand häufigste Auslöser. Wer innerhalb weniger Wochen die Kilometeranzahl stark erhöht, einen neuen Untergrund einführt (z. B. plötzlich viel auf Asphalt) oder die Intensität schraubt, überfordert das Schienbein.
Schwache Wadenmuskulatur und Fussmuskulatur
Die Wadenmuskulatur federt bei jedem Schritt einen Teil der Aufprallkräfte ab. Ist sie schwach oder ermüdet schnell, übernehmen andere Strukturen – darunter das Periost des Schienbeins. Auch die intrinsische Fussmuskulatur spielt eine Rolle.
Biomechanische Faktoren
Überpronation (zu starkes Einrollen des Fussgelenks nach innen), ein flacher Fuss oder ein zu grosser Schritt beim Laufen können die Belastung auf das Schienbein erhöhen. Diese Faktoren allein verursachen selten ein MTSS – aber in Kombination mit Überlastung können sie den Ausschlag geben.
Falsches oder abgenutztes Schuhwerk
Laufschuhe haben eine begrenzte Lebensdauer – rund 500–800 km, abhängig vom Modell und Untergrund. Danach verlieren sie ihre dämpfenden Eigenschaften. Wer zu lange in alten Schuhen läuft, riskiert mehr.
Zu wenig Regeneration
Training ist Stress – Regeneration ist das Gegenstück. Wer keinen echten Erholungsrhythmus in seinen Trainingsplan einbaut, kommt irgendwann in einen Teufelskreis aus chronischer Überlastung.
Evidenzbasierte Behandlung von Shin Splints
Die Behandlung von MTSS ist klar: Aktiv, strukturiert und individuell. Hier sind die Säulen, auf die ich in meiner Physiotherapiepraxis in Uster setze:
1. Belastungsmanagement – smarter, nicht weniger
Das heisst nicht, dass du komplett aufhören musst zu laufen. Aber du musst die Belastung vorübergehend anpassen. Das bedeutet: kürzere Distanzen, reduzierte Intensität, mehr Erholungstage. Gleichzeitig können alternative Sportarten wie Schwimmen oder Velofahren die Fitness erhalten, ohne das Schienbein zu belasten.
2. Progressives Krafttraining
Studien zeigen, dass gezieltes Krafttraining der Wadenmuskulatur (Soleus, Gastrocnemius) und der Fussmuskulatur die Belastbarkeit des Schienbeins langfristig erhöht. Ich erarbeite mit dir ein Programm, das du auch selbstständig weiterführen kannst.
3. Lauftechnik analysieren und anpassen
Eine erhöhte Schrittfrequenz (mehr Schritte pro Minute bei gleicher Geschwindigkeit) kann die Aufprallkräfte deutlich reduzieren. Das ist eine der am besten belegten Technikinterventionen bei Shin Splints. Auch die Schrittlänge und das Auftrittsmuster spielen eine Rolle.
4. Schuhberatung und Einlagencheck
Je nach Situation bespreche ich mit dir, ob dein aktuelles Schuhwerk noch passend ist – und ob Einlagen sinnvoll sein könnten. Das ist keine Pauschalantwort, sondern hängt von deiner individuellen Biomechanik ab.
5. Physikalische Massnahmen
In der Akutphase können lokale Massnahmen wie Eis, Taping oder gezielte manuelle Therapie helfen, die Reizung zu reduzieren. Sie sind aber nie die Haupttherapie – sondern immer Begleitmassnahmen.
Prävention – wie du Shin Splints vermeidest
Das Beste an Shin Splints ist: Sie sind zu einem grossen Teil vermeidbar. Meine wichtigsten Empfehlungen:
- Steigere dein Trainingsvolumen nie mehr als 10% pro Woche (die bekannte "10%-Regel")
- Wechsle Laufuntergrund und -intensität graduell
- Investiere in regelmässiges Kraft- und Stabilisationstraining – nicht nur im Verletzungsfall
- Kontrolliere den Zustand deiner Laufschuhe regelmässig
- Höre auf Warnsignale deines Körpers – frühzeitig, nicht erst wenn nichts mehr geht
Shin Splints bei Physera in Uster – mein Ansatz
Wenn du mit Schienbeinschmerzen zu mir kommst, beginnen wir mit einer gründlichen Untersuchung: Wo genau tut es weh? Wie lange schon? Was hat sich verändert im Training? Was sind deine Ziele?
Darauf aufbauend erstelle ich einen klaren, strukturierten Behandlungsplan – mit realistischen Zielen und einem Weg zurück ins Laufen, der zu dir passt. Kein Schema F, sondern eine individuelle Lösung.
Wissenschaftliche Quellen (Auswahl)
- Winters et al. (2018). Classification of Medial Tibial Stress Syndrome – Systematic Review
- Galbraith & Lavallee (2009). Medial Tibial Stress Syndrome: Conservative Treatment Options
- Newman et al. (2013). A Systematic Review of Treatments for Medial Tibial Stress Syndrome
- Moen et al. (2012). Medial Tibial Stress Syndrome: Evidence-based Prevention and Management
- Napier et al. (2015). Gait Modifications to Change Lower Extremity Gait Biomechanics in Runners
